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Von Indern und Andern E-Mail
Geschrieben von Andrea Jansen   
Sonntag, 28. Januar 2007

Vielleicht ist meine Haut zu dünn. Vielleicht mein Blick zu sehr geschärft für alle Alltagsegoisten. Vielleicht sehe ich es auch einfach zu eng. Egal, die sogenannte und soeben nachgeschlagene "Anempathie" nervt.

Jede Woche schleppe ich meinen kleinen, schweren Rollkoffer durch Züge und Trams, verheddere mich in den Geländern beim Aussteigen und renke mir fast die Schulter aus, beim Versuch, den Koffer über meinen Kopf in eine Ablage zu hieven. Und frage mich dabei im Ernst: Wo bleiben die Gentlemen? Zuvorkommende, starke Männer, die meinen Koffer mit dem kleinen Finger schwungvoll verstauen und mir danach einen schönen Tag wünschen? Vielleicht traut sich keiner mehr, aus Angst, die emanzipierte Blondine würde als Antwort auf das Hilfsangebot den Koffer als schlagendes Argument für die Eigenständigkeit der Frau einsetzen. Würde sie nicht. Sie würde sich höflich bedanken.

Auch dann, wenn zehn Meter nach der Kasse der Coopsack reisst und die Tomaten mit den noch ganzen Eiern um die Wette rollen. Nicht mehr im Revier der Coop-Angestellten, die gemütlich Regale einordnen und Salate nachwägen, muss ich meinen Wocheneinkauf selber zusammensammeln. Den zweiten Coopsack und meine Handtasche klemme ich dabei attraktiverweise zwischen die Beine (was die Bewegungsfreiheit drastisch einschränkt, und das jämmerliche Bild verstärkt), das Autoschlüsselbändeli hängt zwischen meinen Zähnen. Verstohlen beobachten mich einige Einkäufer, einige tuscheln „..ist das nicht…?“, halbwegs interessierte kicken die Tomaten wie ein Hackysack in meine Richtung. Danke. Nach 10 Minuten herumhoppeln ohne dass der zweite Sack auch noch reisst, erbarmt sich eine ältere Frau: „Söu i Euch gschwing uf d Täsche ufpasse?“ Ja, gerne, wie freundlich von ihnen. Und wie verdammt traurig, dass vorher niemand auf die Idee gekommen ist.

500px-inder_nr_5Und die Inder? Die Inder. Wenn es dann überhaupt Inder waren – es hätten auch Pakistanis oder Sri Lankesen oder so sein können. Aber für den Titel passt es besser. Die Inder waren also laut gestern nacht. Mein Studio hier in Zürich ist klein und hat genau vier Wände – gepoltert hat es aber von der Decke. Im Sekundentakt. Es hat wohl um die fünf Möbelstücke in so einem Studio, davon zwei Stühle. Auch wer damit unaufhörlich „Reise nach Jerusalem“ spielt, kann den Lärmpegel nicht halten – ich weiss also nicht, was die Inder da getrieben haben. Und mangels Sprachkenntnissen konnte ich auch aus der lautstarken Diskussion nichts ableiten – akustisch verstand ich jedes Wort. Und wurde hässig. So pilgerte ich also – immer den Ohren nach – um halb eins morgens zum ersten Mal in den ersten Stock, klopfte unwirsch an die Tür und überlegte mir noch kurz, ob sich wohl hinter der weissen Fassade auch ein kleine kolumbianische Drogendealergang verbergen könnte, der die Ankunft der kleinen Blondine in Pischamahosen möglicherweise etwas ungelegen käme. Es wurde still. Die Inder horchten. Und entschlossen sich, sich mir zu stellen. Unverständnis auf dem Indergesicht, nachdem ich im breiten Berndeutsch mein Lärmproblem erläuterte. Bei Englisch kuschte er dann. Um drei Uhr marschierte ich nochmals rauf - heissblütig barfuss, der schlafende Snoopy auf der Brust nur Attrappe. Diesmal ein anderer Inder, noch dünner, aus dem Zimmer roch es wie in einer Raucherecke am Flughafen.

„Shut up!“ war diesmal meine Message.

Anscheinend muss man sich klar ausdrücken: Empathie ist out. Ich find das blöd. Verstanden?


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Kommentare (1)
21-02-2007 12:21
:)
Sehr amüsant dokumentiert und wenn ich mir das Ganze bildlich vorstelle noch um einiges unterhaltsamer :)
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